Von Springschwänzen und Schaumwein-Ladies

Der ökologische Weinbauverband Ecovin hat seine verbandsübergreifende Veranstaltungsreihe zur „ökologischen Weinkultur“ eröffnet und sieht sich in Zeiten des Klimawandels in einer Schlüsselrolle (von Manfred Kriener, Berlin)

„Ein gertenschlanker prächtiger Körper, wunderbar abgerundet, von rauschhafter Eleganz. Und dann dieser Nachhall, dieses skelettreiche Ton-Mergel-Terroir, dieser Akazienhonig-Abgang… das geht mir alles ganz schön ans Bouquet!“ Haben Sie die Rebsorte Riesling schon mal als Schauspielerin erlebt? Nein? Da haben Sie was verpasst. Zusammen mit einem körperreichen Roten, der mit tiefer Stimme Ecken und Kanten zeigte und einer verspielten, hefebläschenreichen Schaumwein-Lady, die gewaltig unter Druck stand, bildete Frau Riesling ein hoch aromatisches Schauspieler-Trio mit Witz und Hintersinn. Drei Weine, drei Theatermimen, drei heitere Versuche von Ecovin, den Weinsprech und die Prinzipien des ökologischen Weinbaus einmal künstlerisch-beschwingt auf die Bühne zu bringen.

Im vergangenen Jahr hat Ecovin sein 25jähriges Jubiläum gefeiert. In diesem Jahr will der größte ökologische Weinbauverband Deutschlands, Europas und – ja! – weltweit, den Verbraucherinnen und Verbrauchern die ökologische Weinkultur näherbringen: in Diskussionsforen, Workshops, im Weinberg und Weinkeller, mit Theater, Gesang und natürlich, Schlückchen für Schlückchen, mit Verkostungen der aktuellen Jahrgänge aus den Kollektionen der 215 Mitgliedsbetriebe, die auf 1.400 Hektar Rebfläche Jahr für Jahr zirka 9 Millionen Flaschen Biowein erzeugen.

Zum Auftakt der Veranstaltungsreihe war der Verband brav in die Kirche gegangen: „Stadt – Land – Wein“ hieß das Motto im sonnengefluteten würdigen Backsteingemäuer der Elisabethkirche in Berlin-Mitte. Hier trafen sich Fachfrauen zum ökologischen Wein-Talk, versammelten sich Spitzenwinzer zur Verkostung des kleinen feinen Jahrgangs 2010, waren Fachhändler, Journalisten, Weinfreunde gekommen, dazu Theatermimen und Sängerinnen der Gruppe „Weinkörper“.

Ecovin-Vorsitzende Lotte Pfeffer-Müller erinnerte daran, dass der Bio-Revolution von 1985, als 20 Pioniere den Verband Ecovin aus der Taufe hoben, jetzt eine ganz andere Revolution gefolgt ist. Die Landwirtschaftsministerien in den beiden für Weinbau wichtigsten deutschen Bundesländern Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg sind erstmals in den Händen von Politikern, die sich ausdrücklich und leidenschaftlich zur ökologischen Land- und Weinwirtschaft bekennen, die ihre eigenen Wurzeln in der Ökologiebewegung haben. Pfeffer-Müller: „Ein großer Einschnitt, der zeigt, was in unserer Gesellschaft in Bewegung geraten ist.“

Tatsächlich hat der Bio-Weinbau in den vergangenen Jahren eine atemberaubende Karriere hingelegt: von den belächelten grünen Spinnern der ersten Jahre zu den Top-Erzeugern der renommiertesten Anbaugebiete weltweit. Ob Champagne, Bordeaux oder deutsche Riesling-Hochburgen, ob Rioja, Piemont oder heimische Burgunderlagen – die Prinzipien des ökologischen Weinbaus haben überall tiefe Spuren hinterlassen. Sie sind zur Orientierungsmarke geworden, zur Leitkultur und zum neuen Paradigma für eine Qualität, die sich mehr und mehr mit dem Respekt vor der Natur verbindet, mit Artenvielfalt und grünen Weinbergen, mit dem Verzicht auf Turbodünger und chemischer Keule. Einer Weinkultur, die auch im Keller Behutsamkeit und Natürlichkeit vor Technikgläubigkeit und Geschmacksmanipulationen setzt und die den Wein Wein sein lässt.

Viele Betriebe rund um den gesamten Weinbaugürtel haben sich einzelne Bausteine des ökologischen Weinbaus herausgepickt. Aber immer mehr Weingüter sind auch bereit, ein Signal zu setzen und mit aller Konsequenz – das heißt: inklusive Kontrollen und Zertifizierung – den Weg des Bioweinbaus zu gehen. „Die Ökologie ist keine Glaubensfrage, sie ist langfristig für Winzer und Bauern einfach die beste Form des Wirtschaftens“, sagt die österreichische Biophilosophin Sonja Moor: „Wir müssen, mit dem was uns anvertraut ist, sehr viel sorgsamer umgehen, wir können uns nicht länger rausmogeln!“

Sonja Moor saß gemeinsam mit der Berliner Food- und Weinjournalistin Ursula Heinzelmann, der früheren langjährigen Ecovin-Vorsitzenden sowie Förderpreisträgerin Ökologischer Landbau 2011, Christine Bernhard und Moderator Bernward Geier auf der Couch, um über Weinkultur und-genuss, über Perspektiven und Erfolge des ökologischen Weinbaus zu diskutieren. Zu späterer Stunde komplettierte die Claudia Roth (MdB) die Runde.

Für Heinzelmann ist der Bio-Weinbau eng mit der Qualitätsfrage verknüpft. Aber wie ist Qualität messbar? Mit Punkten allein sicher nicht. Heinzelmann sucht charaktervolle, ausdrucksstarke, individuelle Weine. Sie ermuntert die „sehr gut aufgestellten Ökowinzer“, ihre Erfahrungen weiterzugeben und andere Qualitätserzeuger auf dem Land mitzunehmen, Koalitionen zu schmieden mit Käsern, Obstbauern, Fleischerzeugern. Der Öko-Weinbau als Bollwerk gegen die Verödung des ländlichen Raums? Heinzelmann: „Ihr seid doch das Bindeglied zwischen Land und Stadt, ihr seid doch weltoffene Erzeuger!“

Claudia Roth (MdB) forderte die Ökowinzer auf, ihren Weg konsequent fortzusetzen. Viele konventionelle Betriebe würden sich heute in ihrer Kommunikation zwar als „naturnah“ und „umweltfreundlich“ geben. Aber es komme auf Vertrauen und Transparenz an. Deshalb sei der zertifizierte ökologische Weinbau unverzichtbar.

Eine Schlüsselposition hat der Öko-Weinbau gerade in Zeiten des Klimawandels inne. Die letzten Jahre mit ihren Hitzerekorden und Trockenphasen, mit ungewöhnlich heftigen Regengüssen und plötzlichen Fäulnisattacken haben gezeigt, welche Herausforderung vor den Weinmachern steht. Die ökologischen Weingüter, für die „das Bodenmanagement an erster Stelle steht“, seien oft besser durch Stressphasen wie etwa den Sahara-Sommer 2003 gekommen, sagt die Ecovin-Vorsitzende Lotte Pfeffer-Müller. Jetzt komme es umso mehr darauf an, mit lebendigen Böden, mit Artenvielfalt im Weinberg, mit sensibler Begrünung und robusten gesunden Reben, kritische Jahre zu meistern.

Christine Bernhard schilderte den Berliner Besuchern mit großer Begeisterung wie vielfältig und bunt in den Weinbergkulturen das Leben sein kann – von den Springschwänzen und Blumen bis zu den Schmetterlingen und Eidechsen. „Wenn ich in die Rebzeilen die richtigen Kräuter und Pflanzen ausbringe, dann kommen die Insekten und viele andere Mitspieler, dann grünt es und blüht es.“ Dieses Naturschauspiel sei Teil ihrer Motivation und ihres kleinen Glücks als biologische Winzerin, so Bernhard.

Während beim Fußball die Wahrheit bekanntlich „aufm Platz“ zu erkunden ist, ist die Weinkultur auch im ökologischen Weinbau am besten im Glas zu besichtigen, zu schnuppern und zu schmecken. 26 Bioweingüter von Ecovin, aber auch von den befreundeten Verbänden Bioland, Naturland und Demeter waren mit ihren besten Weinen zu „Stadt – Land – Wein“ in die Berliner Elisabethkirche gekommen. Den schönsten Eindruck machten dabei die grazilen, besonders eleganten Weißweine des Jahrgangs 2010 und die farbintensiven tiefen Rotweine des Fabeljahrgangs 2009. Weinkultur im Gotteshaus! Um es mit Frau Riesling zu sagen: „Wenn ich euch erstmal auf den Gaumen gehe…!“

Die Veranstaltungsreihe „Ökologische Weinkultur“ wird gefördert vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz im Rahmen des Bundesprogramm Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft.